• deutsche version
  • english version

Gedanken zum Lawinenabgang am Mölltaler Gletscher vom 29.04.2017


30.04.2017

Gedanken zum Lawinenabgang am Mölltaler Gletscher vom 29.04.2017

Ich kam gestern als einer der Ersten zum teilverschütteten Skifahrer, der sich offensichtlich selber befreien konnte. Ohne mich auf eine Diskussion einlassen zu wollen, warum und vor allem wie sich Leute im freien Skiraum bewegen, möchte ich einige Punkte zum Überdenken loswerden, die nach dem Abgang der Lawine bei der Suche nach weiteren möglichen Verschütteten passiert sind.

Hier findet ihr noch den Link zum Video mit dem Abgang der Lawine.

Situation

Nachdem wir wegen des stärker werdenden Nebels nicht nach Sportgastein fahren konnten, fuhren wir über den oberen Teil der Piste zum freien Skibereich unter dem Gletscherjet. Zufällig machte ich auf zirka der Hälfte des Hangs halt, als ich die abgegangene Lawine, den teilverschütteten Skifahrer und seinen verloren Ski erblickte. Ich fuhr hinab (LVS auf Suchen umgeschalten), grub den Ski aus, fuhr weiter zum Verunfallten, fragte, ob alles in Ordnung sei und ob noch weitere Skifahrer verschüttet sind. Er war sich nicht sicher, ob 2 weitere Personen mitgerissen wurden.

Da der Lawinenkegel sehr breit war, fuhr ich im zentralen Bereich im Zick-Zack hinunter, um möglichst viel Raum abzudecken. Im unteren flachen Bereich waren schon Pistenraupen und Liftpersonal, die uns (einige Bergretter vor Ort und mich) wieder hinauf  zum Übergang vom Steilen zum Flachen brachten, wo wir mit einer systematischen Suche beginnen wollten. „Wollten“ deshalb, weil einige massive Fehler/Missgeschicke/Irrtümer/Nichtwissen/Halbwissen etc. passierten. Ich möchte diese Punkte nun beschreiben:

Nachfahrende Skifahrer: Während wir suchten, fuhren noch zahlreiche (30+? Personen) mit auf „Senden“ geschalteten LVS in den Suchbereich ein und störten so die Suche. Zudem zückten nicht wenige die Handys, um Fotos zu machen. Dieser Umstand passierte über den gesamten Zeitraum der Suche, immer wieder kamen neue Skifahrer von oben nach und hatten das Gerät auf „Senden“.

Dies führte dazu (wie sich später herausstellte), dass plötzlich 2 verschüttete Personen geortet wurden. Da ich mich oberhalb befand und schon einige Personen mit der Feinsuche beschäftigt waren, blieb ich wo ich war und versuchte weiterhin, neu ankommende Skifahrer vom Lawinenkegel fern zu halten. Plötzlich wurde hektisch und offensichtlich ohne System zu graben begonnen, viele Personen arbeiteten auf einem Haufen (siehe Webcamfoto). Da ich diesen Bereich vorher im Zick-Zack abgefahren war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass hier 2 Personen liegen konnten. Ich fuhr hinab und wollte selbst die Fein- und Punktortung machen. Als ich ankam und fragte, wo der Sondentreffer gemacht wurde, bekam ich die Antwort, dass es keinen gab. „Ungefähr hier liegt er, in ein oder zwei Meter“. Ich nahm mein LVS und bekam einen Wert mit 2 Metern. Ich ging auf den Boden, das Gerät zählte herab. 1,1 Meter, 1 Meter. Bumm- wieder 2 Meter. Ich drehte mich um und sah eine junge Dame - ich nahm ihr LVS aus der Tasche, welches- welch Überraschung- auf „Senden“ eingeschaltet war.

Nachdem wir den Großteil der Skifahrer endgültig vom Lawinenkegel gebracht hatten, konnten wir in einer zirka 10 Mann starken Kette den gesamten Kegel nochmals abgehen, wobei wir manchmal immer noch Signale von außerhalb bekamen (siehe Webcamfoto).

Mittlerweile waren die Einsatzkräfte der Polizei bzw. der Bergrettung eingeflogen worden und suchten den Lawinenkegel nochmals von unten in einer engen Kette ab.

Positives

(+) Positiv ist...

... dass der überwiegende Teil der Variantenskifahrer sehr gut ausgerüstet war. Moderne LVS, Sonde und Schaufel waren ausreichend vorhanden.

... dass die Hilfsbereitschaft sehr hoch war. Sehr viele Variantenskifahrer wollten helfen und haben das auch getan.

Schlussfolgerungen

Um aus dem Geschehenen wieder zu lernen und besser zu werden, möchte ich noch diese Punkte zusammenfassen:

LVS rechtzeitig auf „Suchen“ schalten, wenn ich in die Nähe des Suchbereichs komme.
Nicht im Bereich oberhalb des Unfalls weiterhin Skifahren, da eine Nachlawine ausgelöst werden kann.
Den standardisierten Ablauf der Suche (Signalsuche-Grobsuche-Feinsuche-Punktortung) einhalten und keine Punkte (in diesem Fall die Punktortung mit der Sonde) auslassen.
Beim Ausgraben nicht den Bereich über der verschütteten Person betreten, da eine eventuelle Atemhöhle zerstört werden kann.
Ruhe bewahren und systematisch arbeiten. Arbeitsteilung! Nicht alle müssen suchen, sondieren und graben.

Und, zu guter Letzt: Wer sich im freien Skigelände aufhält, muss die Handhabung des LVS absolut beherrschen und den Ablauf einer Kameradenbergung kennen und können. Ansonsten ist anzunehmen, dass Unfälle dieser Art mit tatsächlichen Verschütteten nicht so glücklich ausgehen, da unglaublich viel Zeit verloren geht. Und wie wir wissen zählen die ersten 15 Minuten.

Mein Beitrag soll nicht als Vorwurf, sondern als Anregung verstanden werden, damit wir  dem weißen Tod zuvorkommen können.

Hannes Haberl

P.S. Lawinensicherheitskurse etc. werden von Bergführern und Alpinen Vereinen  jedes Jahr angeboten. Nehmt euch die Zeit und investiert ein wenig Geld, um eine kompetente Schulung in Kleingruppen zu absolvieren.


  • black diamond
  • smith optics
  • carinthia-bags
  • gästehaus hubertus