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Risikomanagement bei Skitouren


03.03.2013

Fragen und Antworten zum Thema Risikomanagment bei Skitouren......

Im Zuge der lebhaften Diskussion unseres Beitrages über die Skitour in der Huda Paliza sind einige Fragen aufgetaucht, die wir hier im Rahmen einer kurzen Analyse der Situation gerne beantworten würden.

Wie sieht es mit der Anwendung von Strategien wie 3 mal 3, der elementaren Reduktionsmethode oder Stop or go im konkreten Fall aus?

Hangneigung

Egal welche der oben genannten Strategien man auch angewendet hätte, so ziemlich jede Skitour im gesamten Gebiet  der Saisera, hätte schon im Planungsstadium verworfen werden müssen:
Die elementare Reduktionsmethode von Munter gibt vor, dass bei der Lawinenwarnstufe 3 keine Hänge über 35 Grad Neigung befahren bzw. begangen werden sollten.  Dabei muss bei Lawinenwarnstufe 3 der ganze Hang beurteilt werden: Sowohl die Huda Paliza, die Moses-, die Naboisscharte von Westen und die Bärenlahnscharte haben Passagen mit mehr als 35 Grad Hangneigung.  Bei der klassischen Reduktionsmethode braucht man bei Stufe 3 einen  „erstklassigen Reduktionsfaktor“ (das ist wieder die Hangneigung unter 35 Grad) auch hier gibt es schon von vornherein ein Stop.
Wendet man „Stop or Go“ an, so hat man das gleiche Ergebnis, da der wichtigste „Check“  auch hier die elementare Reduktionsmethode  ist.

Gruppengröße

Ein weiterer wichtiger Bestandteil jeder Strategie ist die Gruppengröße: Hier geht es in erster Linie um zwei Aspekte:
Erstens die Belastung für die Schneedecke - hier ist es empfehlenswert bei Hängen ab 30 Grad Neigung automatisch Entlastungsabstände einzuhalten. Eine ganz einfache Schätzung:  10 Personen mit Ausrüstung und in Bewegung werden wohl eine knappe Tonne zusammenbringen, mit Entlastungsabständen verringert sich die punktuelle Belastung für die Schneedecke daher enorm.

Der zweite Aspekt in Bezug auf die Gruppengröße betrifft die Frage, wie es möglich ist, die „Personen sicher im Gelände zu verteilen.“ Dieser Punkt wird extrem unterschätzt: Neben dem diskutierten Beispiel kann ich dazu von einer zweiten Beobachtung erzählen, stattgefunden vor rund 14 Tagen.

Beispiel:

Lawinenwarnstufe 4, Forca dei Disteis, im obersten Hangbereich, der über 30 Grad Neigung hat, tummeln sich zwei italienische Gruppen mit insgesamt 17 Personen. Beide Gruppen sind ohne Entlastungsabstände unterwegs, die schnellere beginnt bereits mit der Abfahrt, während von der langsameren Gruppe noch Personen im Aufstieg sind. Mindestens  5 Personen fahren gleichzeitig ab, der erste Sammelpunkt der Gruppe ist mitten im Hang, etwa 150Hm unter der Scharte.

Bei Lawinenwarnstufe 4 ist wohlgemerkt die gesamte Geländekammer zu beurteilen - was bedeutet, dass wirklich große Lawinen abgehen können. Der Abgang ist spontan möglich und bei kleiner Zusatzbelastung (=eine Person) wahrscheinlich. Am betreffenden Tag haben drei Berg- und Skiführerkollegen aufgrund der Setzungsgeräusche und des Massenandranges im Laufe der Tour umgedreht. Laut Strategie wäre an diesem Tag im betreffenden Gebiet auch keine Skitour möglich gewesen.


Sammelpunkte

Auch wenn man sehr defensiv unterwegs ist (was für die beiden beschriebenen Fälle nicht zutrifft), ist es zusätzlich notwendig sich im Gelände so zu verteilen, dass die Folgen eines möglichen Lawinenunglücks minimiert werden, d.h. Entlastungsabstände im Aufstieg, Einzelhangbefahrung bei der Abfahrt und Sammelstellen an lawinensicheren Punkten. Die Begründung ist hier ganz einfach und jeder der ein Suchszenario mit mehreren Verschütteten durchgespielt hat, weiß worum es geht: Eine Mehrfachverschüttung ist unbedingt zu vermeiden, da sie (vor allem ungeübte) Suchende vor ein absolut ernsthaftes (Zeit-)Problem stellt ( - vom Problem der Verschütteten ganz zu schweigen).
Da diese sichere Verteilung im Gelände ab einer gewissen Personenzahl nicht mehr erreicht werden kann ist es sinnvoll, dass man sein Tourenziel ändert, wenn man bemerkt dass bereits zu viele Personen unterwegs sind. Weiters ist es empfehlenswert von Haus aus mehrere Optionen einzuplanen.

Mit dem Beispiel der Huda Paliza im Hinterkopf kann man die Auswirkungen der Gruppengröße auf das Restrisiko gut darstellen. Dabei wenden wir die Reduktionmethode an.
Gefahrenpotential bei Stufe 3 ist 8, eine kleine Gruppe mit Entlastungsabständen zählt als Reduktionsfaktor 3. Dies bedeutet ein Restrisiko von 8/3= 2,7. Verändert sich die Gruppengröße wie es passiert ist, so fällt der Reduktionsfaktor weg und es kommt zu einer Vergrößerung des Restrisikos auf 8, also wieder um das Dreifache.


Eigenkönnen


Ein weiterer Punkt ist das Eigenkönnen der Personen. Es macht am Resultat keinen Unterschied ob ein guter oder schlechter Skifahrer eine Lawine auslöst, sehr wohl haben aber sichere und konditionsstarke Skifahrer den Vorteil, längere Passagen sturzfrei am Stück fahren zu können.
Dadurch hat man im Allgemeinen wesentlich bessere Chancen sichere Sammelpunkte zu finden, da man nicht mitten in einem Hang stehen bleiben muss (Beispiel Forca die Disteis). Ein Sturz ist außerdem immer als große Zusatzbelastung für die Schneedecke einzuschätzen, was laut Definition auch bei Lawinenwarnstufe 2 eine Lawine auslösen kann, bei 3 eine Auslösung wahrscheinlich macht.


Warum sind  Berg- und Skiführer nicht an Strategien wie „Stop or Go“ gebunden?

Die beiden Beispiele haben gezeigt, dass bei strikter Anwendung der Strategien an beiden Tagen keine Touren in den betreffenden Gebieten möglich gewesen wären. Sehr oft ist aber auch das Gegenteil der Fall. Aus meiner Berufserfahrung kann ich sagen, dass der umgekehrte Fall sogar wesentlich öfter vorkommt. Hier ergeben Strategien ein „Go“, während die objektiven Gefahren auf Tour eindeutig zur Umkehr raten. Diese Beobachtung wird auch statistisch bestätigt, so gibt es natürlich auch Datenanalysen aller registrierten Lawinenunfälle. Dabei konnte gezeigt werden, dass bei rund 36% aller registrierten Unfälle die elementare Reduktionsmethode ein „Go“ ergeben hat. Der Hauptgrund für diese hohe  Fehlerquote der Strategien liegt in kleinräumig, lokalen Unterschieden der Lawinenwarnstufe, wodurch es sofort zu einer Verzerrung der Ergebnisse kommt.

Die Fehlerquote ist für uns als Berg- und Skiführer nicht akzeptabel, nicht nur wegen der Verantwortung die wir für unsere Kunden tragen, sondern auch weil hauptberufliche Berg- und Skiführer mit bis zu 100 Arbeitstagen im Winter selbst dem höchsten Risiko ausgesetzt sind.
In kaum einem anderen Land der Welt ist die Hauptsaison der Bergführer so stark im Winter angesiedelt wie in Österreich.
Die österreichische Berg- und Skiführerausbildung trägt diesem Umstand besondere Rechnung und hat einen Schwerpunkt in den Bereichen Schnee und Lawinenkunde. Das Resultat ist, dass unsere Winterausbildung weltweit als eine der hochwertigsten anerkannt  wird.  Österreichische Berg- und Skiführer arbeiten  von Alaska bis zum Himalaya überall dort wo höchste Qualität gefragt ist. Nach  2 jähriger Ausbildungszeit sind die Bergführer selbst dazu befähigt,  die Lawinenlage realistisch einschätzen zu können. Die oben genannten Strategien werden in diesem Sinne zwar angewendet, allerdings mit einer Korrektur (nach oben oder nach unten) der Lawinenwarnstufe in Bezug auf die tatsächlichen lokalen Begebenheiten. Dazu fließen noch andere Parameter in die Entscheidung mit ein, die eine Kenntnis möglicher Gefahrenmuster voraussetzen.
Der offizielle Lawinenlagebericht stellt allerdings nach wie vor eine wichtige Grundlage dar und wird als Richtwert berücksichtigt. Wenn man als Bergführer im Rahmen einer Führungstour die Lawinenwarnstufe anders einschätzt als der offizielle Lawinenlagebericht, so setzt dies voraus, dass man in der Lage ist, diese Einschätzung fachlich zu begründen –nicht zuletzt deshalb, weil  der offizielle Lawinenlagebericht im Falle eines Unfalles auch als Referenzwert herangezogen wird.

Im konkreten Fall der Huda Paliza wurde die Lawinengefahr als kleiner als 3 eingeschätzt. Die Begründung stützte sich auf ein Schneeprofil aus dem unteren Bereich der Rinne vom Vortag (Prozeßdenken), sowie auf die Tatsache, dass in den unteren, windgeschützten Bereichen der Rinne (ca. 2 Drittel des Anstieges) auf Grund der niedrigen Temperaturen keine Bindung in der Schneedecke bestand. Der windexponierte Teil im Ausstiegsbereich der Rinne hatte eine tragfähige Harschschicht. Die Tour hatte in den Tagen davor einige Begehungen, was bei der geringen Breite der Rinne an kritischen Übergangsbereichen (8-10m) den Schluss zuließ, dass es keine Spannungen in eventuell verdeckten, gebundenen Schichten geben konnte. Darüber hinaus waren auf Grund der Schneelage in betreffenden Bereichen keine Gleitschichten bzw. Schwachschichten in Form von aufgebauten Kristallen zu erwarten.  Mittlerweile hat sich die Lawinengefahr mit Sicherheit verändert.


Wie kann man sich am besten vorbereiten und informieren


Mittlerweile gibt es ein großes Repertoire an guter und informativer Literatur zu den Themen Schnee und Lawinen.  Die Werke von Werner Munter stellen für jeden interessierten Skitourengeher nach wie vor eine Pflichtlektüre dar. Die Denkweise, die hinter den Strategien steckt, ist immer noch aktuell und auch die Grundlage für  „Stop or Go“  vom Österreichischen Alpenverein.
Wer seine Sicherheit zusätzlich verbessern möchte, dem empfehlen wir das 2010 erschienene Praxis-Handbuch "lawine. Die 10 entscheidenden Gefahrenmuster erkennen" von Rudi Mair und Patrick Nairz. Die beiden Autoren erklären nicht nur die 10 wichtigsten bzw. brisantesten Gefahrenmuster, sondern vermitteln dabei auch viel Hintergrundwissen über die Prozesse in der Schneedecke. Dabei gibt es in den letzten Jahren einige neue Erkenntnisse, die in dem Buch auch schon Berücksichtigung gefunden haben.
Zu Beginn der nächsten Skitourensaison wird der Kärntner Berg- und Skiführerverband wieder einen Lawinensicherheitstag organisieren. Bei dieser Veranstaltung könnt ihr euch gerne kostenlos über den neuesten Wissensstand zu den Themen Schnee und Lawinen informieren.


Thomas Lippitsch


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